Welternährung als globale Herausforderung

Johannes Röring MdB im Interview mit Volker Resing (KNA) im Anschluss an eine Afrika-Reise zum Thema Welternährung

Sie waren mit Kollegen auf einer Delegationsreise nach Ostafrika. Was waren ihre Eindrücke?

Röring: Um es kurz zu sagen, ich war entsetzt. Wie haben die Länder Kenia, Uganda und Äthiopien besucht. Dort müsste es keinen Hunger mehr geben. Doch durch eine völlig verfehlte Landwirtschafts- und Entwicklungshilfepolitik herrscht dort oft noch immer Elend und Not. Gerade die falsche Hilfe aus Deutschland und den anderen Industrieländern trägt daran eine Mitschuld.

Was genau haben Sie erlebt?

Wir haben Bauern gesehen, die mit Ochs und Holzpflug ihre Äcker bestellen. Dann reicht der Ertrag, wenn es gut läuft, so gerade für die eigene Familie. Man kann es sehen: An einigen Stellen auf den Feldern wächst etwas mehr, dort haben die Tiere ihre Notdurft hinterlassen. Es ist ein trauriges Bild. Und es müsste nicht so sein. Es ist erschreckend, dass wir nach 60 Jahren Entwicklungshilfe noch solche Bilder sehen müssen.

 

Wieso kommt denn die Entwicklung nicht voran?

Ein zentraler Grund für die Fehlentwicklung ist die meiner Ansicht nach völlig falsche Philosophie von vielen Entwicklungshilfeorganisationen, leider auch Misereor. Die so genannte kleinbäuerliche Struktur wird verherrlicht und man lehnt den technischen Fortschritt für die Entwicklungsländer ab. Das ist eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Denn diese Einstellung, die eine afrikanische Dorfidylle predigt, ist mit verantwortlich für Hunger und Elend. Man muss die Bauern ernst nehmen, ihnen mehr zutrauen. Die Afrikaner, die ich kennen gelernt habe, sind clever und wollen etwas erreichen. Es fehlt an fachlichem Know-How und an Investitionen in Maschinen, Saatgut und Infrastruktur, dann könnten diese Länder Afrikas den Hunger überwinden und aus eigener Kraft zu mehr Wohlstand kommen.

 

Aber gerade die Hilfsorganisationen wünschen sich doch eine wirtschaftliche Stärkung des Südens. Sind es nicht gerade die westlichen Exportnationen, die die wirtschaftliche Entwicklung des Südens erschweren, etwa durch Abschottung ihrer Märkte und Subventionierung der eigenen Güter. Deswegen fordern doch gerade Misereor und andere die Abschaffung der Exportbeihilfen.

 Das ist eine Phantomdebatte, die das eigentliche Problem vernebelt. Um es klar zu sagen, ich bin gegen die Exportbeihilfen der Europäischen Union. Sie gehören abgeschafft und sind dies schon weitgehend. Aber wir exportieren wenig Getreide oder Milch in afrikanische Staaten, die zu den am wenigsten entwickelten gehören, den „Least Developed Countries (LDC)“ . Deutschland ist ein Hochpreisland und exportiert in Hochpreisländer, wie etwa Japan. Afrika kann ohne Zölle und Erschwernisse frei nach Europa liefern. Nur  bisher haben sie die Überschüsse und die logistischen Möglichkeiten dazu nicht. Ich habe in vielen Gesprächen mit Hilfsorganisationen erfahren, dass diese eine Industrialisierung der Landwirtschaft nach europäischem Vorbild für Afrika ablehnen. So wird es abgelehnt neue Arten anzubauen oder Mineraldünger einzusetzen. Das Ergebnis ist, dass viele Menschen hungern. Das Ganze ist ein furchtbarer Zynismus. Europa hat vor über 100 Jahren begonnen, durch verstärkten Maschineneinsatz und den Einsatz mineralischen Dünger seine landwirtschaftlichen  Erträge zu steigern. Dadurch wurde auch bei uns der Hunger besiegt und der Wohlstand gemehrt. Lassen wir doch die Afrikaner selbst entscheiden, was sie wollen und sie dann unterstützen.

 

Haben die afrikanischen Länder überhaupt die Voraussetzungen für eine derartige Entwicklung? 

Das war vielleicht die größte Überraschung für mich bei meiner Reise. Die geografischen und klimatischen Voraussetzungen in Äthiopien, Kenia und Uganda und auch noch einigen anderen Ländern sind ideal. Wichtig ist eine gewisse politische und rechtliche Stabilität, das Stichwort lautet hier : „Good Governance“.  Seit dem Ende des kalten Kriegs hat Afrika die einmalige Chance, endlich den Anschluss an den Rest der Welt zu schaffen.

 

Das ganze klingt so simpel. Wo ist der Haken? 

Was die Voraussetzungen angeht, ist es tatsächlich einfach. Äthiopien zum Beispiel ist reich an fruchtbarem Boden. Es fällt genug Regen und es ist nicht zu heiß und nicht zu kalt. Es werden aber nur 13 Millionen Hektar der 50 Millionen Hektar, die zur Verfügung stünden, tatsächlich landwirtschaftlich genutzt. Diese riesigen fruchtbaren Brachflächen haben mich erschreckt. Wenn man aber Wachstum und unternehmerisches Handeln für Bauern ablehnt, passiert nichts. Mit einer modernen Landwirtschaft könnte Äthiopien sich selbst versorgen und das benachbarte Ägypten gleich mit. Ägypten hat wenig fruchtbare Flächen und kauft deswegen jährlich 9,3 Millionen Tonnen Getreide und 5 Millionen Tonnen Mais für mehr als zwei Milliarden Dollar auf dem Weltmarkt. Das Geld könnte Äthiopien verdienen.

 

Läuft eine Industrialisierung der afrikanischen Landwirtschaft, wie Sie sie fordern, nicht auf eine Art neue Kolonialisierung heraus? Möglicherweise wollen Sie nur, dass der Westen Maschinen, Dünger und Know how verkaufen kann?

 Der Vorwurf ist absurd. Vielmehr drücken wir doch mit unserer Art der Entwicklungshilfe unsere Vorstellungen den Menschen in den Entwicklungsländern auf. Da stehen Stichworte wie „Geschlechterdebatte“ und „sozial-ökologische Reformen“ im Raum, die einer europäischen Soziologiedebatte entspringen und nichts mit den Realitäten und den Bedürfnissen in vielen Entwicklungsländern zu tun haben. Warum lassen wir denn kein wirtschaftliches Wachstum im Nahrungsmittelbereich zu? In allen Papieren der vielen Organisationen ist von Stützung der „kleinbäuerlichen Struktur“ die Rede. Warum helfen wir den Bauern dort nicht, Unternehmer zu werden? Warum helfen wir nicht, etwa durch bessere Ausbildung, durch Gründung von Bauernverbänden, durch den Bau von Lagerstätten, von der Subsistenzwirtschaft weg zu kommen und auch etwa mit Agrargütern oder Nahrungsmitteln Handel zu treiben? Stattdessen wird erklärt, die Afrikaner wollen nur mit Ochs und Esel ihr Stückchen Land bestellen, dann seien sie glücklich. Ich glaube das nicht.

 

Wie funktioniert denn Ertragssteigerung, durch teuren Genmais aus Amerika? 

Nein, überhaupt nicht. Das geht viel einfacher. Ich habe mir das genau angeschaut. Auf dem Großteil der Flächen in Äthiopien, wird eine alte Getreidesorte mit dem Namen „Teff“ angebaut. Die bringt einen dürftigen Ertrag von ca. 1,5 Tonnen Getreide pro Hektar. Eine konventionelle – also nicht gentechnisch gezüchtete – moderne Getreidesorte, die auf dem Weltmarkt frei gehandelt wird, bringt einen Ertrag von 6 bis 8 Tonnen pro Hektar. Da sieht man schon die enormen Wachstumsmöglichkeiten. Ich will nicht, dass die Afrikaner unsere Getreidesorten anbauen. Sie sollen ihre eigenen Sorten züchten. Dafür müssen sie aber ausgebildet werden. Wir müssen ihnen helfen, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie sollen selber entscheiden, ob sie  Traktoren und Kunstdünger einsetzen wollen oder „Teff“ und Ochs und Esel.


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