Besuch aus der Ukraine

Landwirt Shuliak trifft nach 20 Jahren Johannes Röring in Ellewick wieder

ELLEWICK. Das nennt man wohl eine gute Entwicklung: Vor zwanzig Jahren machte Ivan Shuliak ein Praktikum auf dem Hof von Johannes Röring, heute besitzt er Land etwa 25 Mal so groß wie das des Vredeners. Freunde sind die Landwirte aber heute wie damals.

„Unsere ganze Hoffläche könnte Ivans Garten sein von der Größe“, versucht Johannes Röring die unterschiedlichen Dimensionen in Deutschland und der Ukraine irgendwie greifbar zu machen. Ivan Shuliak lacht, widerspricht aber nicht. Sein landwirtschaftliches Unternehmen nähe Charkiw im Osten der Ukraine erstreckt sich auf einer Fläche so groß wie halb Vreden. „50 Mitarbeiter, viel Land, kaum Tiere“, erklärt der fröhliche 51-Jährige in gebrochenem Deutsch. Dafür Sonnenblumen, Winterweizen, Sommergerste, Mais. Aktuell ist er zu Besuch auf dem Hof von Johannes Röring. Dort, wo sein Weg in die Selbstständigkeit vor 23 Jahren begann.

1993 entschloss sich der damals 28-jährige Shuliak, an einem landwirtschaftlichen Austauschprogramm teilzunehmen. Über ein Angebot vom Deutschen Bauernverband landet er für ein Praktikum auf dem Hof Röring. „Im April?“, versucht sich der Vredener zu erinnern. „Ne, Mai bis Oktober!“, weiß Shuliak noch ganz genau. Hochinteressiert ist der Ukrainer damals an den Vorgängen auf dem Hof, besonders aber an der Ausstattung und Technik, die in Deutschland deutlich fortschrittlicher ist als in der Ukraine. Außerdem, so Röring, habe er immer gefragt, wer dem Vredener die Aufgaben erteile. „Und dann habe ich gesagt: Niemand. Ich bin hier mein eigener Herr, ich bin der Chef.“
 
Zurück in der Ukraine setzt Ivan Shuliak das Gesehene um: Er investiert selber, macht sich selbstständig. Keine schlechte Idee in der Kornkammer Europas, dem Land mit den fruchtbarsten Böden der Welt. Wo man sich auch auf das Wetter verlassen kann: „Im Winter ist es kalt, im Sommer warm“, sagt Shuliak lachend. Aktuell hat er jedoch mit Problemen zu kämpfen. Probleme, die nichts mit dem Boden oder Klima zu tun haben.
 
„Er hat den russisch-ukrainischen Konflikt ja vor Augen“, erklärt Johannes Röring. Shuliaks Hof liegt im Umland der Millionenstadt Charkiw, nur 30 Kilometer entfernt von der russischen Grenze und 300 von der international nicht anerkannten „Volksrepublik Donezk“. Nicht direkt, habe er mit dem Krieg zu tun. „Charkiw ist etwas stabil, in Donezk sind die Probleme“, versucht der Ukrainer den Konflikt zu verorten und betont seine Erfahrung im Grenzgebiet: „Es gibt keine Probleme zwischen russischen und ukrainischen Menschen.“ Das Problem, so Shuliak, sei die große Politik Russlands. „Russland ist zu stark als Staat, Ukraine zu klein.“
 
Spurlos geht das Ganze aber nicht an ihm und seinem Betrieb vorbei. Weil der Wert der Währung um rund 300 Prozent gesunken ist, ist der Import von Waren – auch Präzisionsmaschinen, Dünger, Pflanzenschutz oder Saatgut aus Westfalen – um ein vielfaches teurer als sonst. Auch die regionalen landwirtschaftlichen Annahmestellen haben Probleme mit den Kapazitäten, weil Bauern aus dem Konfliktgebiet die Stellen in Ivan Shuliaks halbwegs sicherem Gebiet nutzen. Zudem ist der Gaspreis um das Siebenfache gestiegen und der Preis für Fleisch entspricht dem in Deutschland – bei nur einem Bruchteil des Einkommens.
 
Nur einige Gründe für Röring, der als stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Bundestag sitzt, auf eine politische Lösung des Konfliktes hinzuarbeiten: „Bei allen Fehlern, die gemacht wurden: Man muss wieder zugehen auf Russland“, sagt der 57-Jährige. „Diese Krise kann man nur gemeinsam lösen.“


Quelle: Münsterland Zeitung
Autor: Steffen Maas
Foto: Münsterland Zeitung, Steffen Maas

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